Neulich im
Fernsehen, in einer Männer‑Talk‑Runde,
wird die existenzielle Frage gestellt: Was unterscheidet
heute noch den Mann von der Frau? Einer weiß die Antwort: Beim Grillfest legt
er die Würstchen auf den Rost.
Das tut
Michael Mohr auch. Doch im Gegensatz zu den intellektuellen TV‑Gästen
plagen ihn keine Selbstzweifel. Der 37‑jährige gelernte Maler und
Lackierer ist verheiratet, Vater von zwei Kindern, hat einen 30‑Stunden‑Job
als Hausmeister für vier Mietshäuser in Berlin. Seine Frau, von Beruf
Psychologin und als Familientherapeutin tätig, arbeitet 40 bis 50 Stunden pro
Woche. Um Malte, fünf Jahre, und Clara, knapp
zwei, sowie das Essen und den Haushalt, kümmert sich der Papa. »Dass
Claudia einmal mehr verdienen würde als ich, war von Anfang an klar. Und
auch, dass ich dann für die Kinderbetreuung zuständig bin.«
In der
Tagesstätte ist er der einzige Mann, der die Sprösslinge regelmäßig
abholt. Doch das ficht Mohr nicht an. Sich den Kindern zu widmen, ist für ihn
eine Herausforderung. »Ich stehe jeden Tag vor neuen Situationen, aus denen
ich lerne, und die mich persönlich weiterbringen.«
Während in
den 50er‑Jahren Kinderwagen schiebende Väter noch seltener waren als
Frauen am Steuer, wechseln sie inzwischen die Windeln genauso geschickt wie
ihre Partnerinnen und wissen, wie man ein gesundes Pausenbrot macht. Ober zwei
Drittel aller Väter von schulpflichtigen Kindern, so das Ergebnis einer
Studie des Staatsinstituts für Frühpädagogik, sehen sich nicht mehr
vorrangig als Familienernährer. Sie wollen die Entwicklung ihrer Kinder
bewusst erleben.
Doch Wunsch
und Wirklichkeit klaffen oft weit auseinander. Die meisten Männer finden die
Idee, Erziehungsurlaub zu nehmen gut. Tatsächlich aber machen nur 1,6 Prozent
von dieser Möglichkeit Gebrauch. Die Quote von Männern in Teilzeitjobs
dümpelt in ähnlicher Größenordnung dahin. Entgegen dein erklärten Wunsch
der meisten jungen Paare, sich Erziehungs‑ und Haushaltsaufgaben
partnerschaftlich, zu teilen ‑ das zeigt eine Studie der
Landesbausparkassen LBS ‑ fallen junge Eltern nach der Geburt des ersten
Kindes in die alten Rollenmuster zurück. Die frisch gebackenen Väter
stürzen sich in die Funktion des Brötchenverdieners. Die junge Mutter bleibt
mit dem Winzling allein. 80 Prozent der Frauen finden aus dieser Rolle nicht
mehr heraus. »Das ist eine Zementierung der Verhältnisse, die beide nicht
wollten«, so der Familienforscher Professor Wassilios E. Fthenakis vom
Staatsinstutut für Frühpädagogik in München.
Alte Rollenmuster sind ein Auslaufmodell
Bleibt es
also bei den Vätern, die lediglich morgens auf dem Weg zur Arbeit einen
kleinen Umweg machen, um den Sprössling vor der Schule abzuliefern?
»Natürlich ist das keine große Sache«, stellt die Amerikanerin Suzanne
Braun Levine in ihrem Buch Papa ist spitze fest. »Vor allem dann nicht, wenn
er das Frühstücksgeschirr im Spülbecken stehen lässt und die Mutter früh
aufgestanden ist, um die, Pausenbrote zu schmieren.«
Dagegen wirkt
Gunnar Kaiser, der erst vor kurzem geheiratet und den Nachnamen seiner Frau
angenommen hat, wie ein Held. Der 25‑Jährige betreut die
eineinhalbjährigen Zwillinge Suzana und Joanna, während seine Frau ihr
Referendariat als Gymnasiallehrerin absolviert. »Ich seh' das als Chance und
als Übergangsphase, in der sich für mich die Weichen neu stellen«, sagt
Kaiser, der selbst vor einem Jahr sein Lehrerexamen abgelegt hat. Die, Familie
lebt im Kölner Stadtteil Ehrenfeld. Wenn die Mädchen etwas größer sind und
»hoffentlich« zwei Plätze im Kindergarten gefunden haben, will Kaiser
promovieren. Vorerst genießt er den engen Kontakt zu seinen Kindern, freut
sich über die Möglichkeiten, »ihnen die Welt zu erklären«. Auch seine
Frau ist zufrieden. »Die Haushaltsführung ist nicht gerade der Hit. Aber den
Kindern geht's gut und ich bin froh, dass ich mich meiner beruflichen Laufbahn
widmen kann.«
Paare
wie die Kaisers sind Vorreiter einer Entwicklung, die soziologischen
Untersuchungen zufolge nicht mehr aufzuhalten ist. Die altbewährten
Rollenmuster ‑ Mutti
führt den Haushalt, Papi verdient das Geld ‑ funktionier ‑
en nur noch bedingt. Schon heute sind über 55 Prozent aller Frauen, die
Kinder haben, berufstätig. Ein Einkommen reicht immer weniger Familien zum
Leben aus. Insbesondere gut ausgebildete Frauen sehen aber auch nicht ein,
dass sie die besten Jahre ihres Lebens mit Kartoffelschälen und
Wäschewaschen verbringen sollen.
Aber auch
Veränderungen in der Arbeitswelt zwingen die Männer zum Umdenken. Von der
Lehre bis zur Rente in ein und derselben Firma ‑ eine solche Karriere
ist ein Auslaufmodell. Patchwork‑Biographien, an die Frauen längst
gewöhnt sind, werden auch für Männer zur Norm.
Zeitgemäße Antwort
Wer verdient
das Geld? Wer kümmert sich um die Kinder? Wer schmeißt den Haushalt? Diese
Fragen kommen künftig immer wieder neu auf den Familientisch und verlangen
nach zeitgemäßen Antworten.
Sie zu
finden, kann aber nicht allein die Aufgabe junger Eltern sein. »Die Paare von
heute«, konstatiert der Familienforscher Fthenakis, »sind die erste
Generation, die den mehrfachen beruflichen Wechsel zu bewältigen hat, und
darauf sind sie nicht vorbereitet«. Er fordert Beratungs‑ und
Informationsprogramme für jungen und Mädchen schon in der Schule,
spätestens aber während der Schwangerschaft. »Sie müssen lernen, Konflikte
zu erkennen und Veränderungen mit Zuversicht anzugehen.«
So wie Anke
und Thomas Glinka. Als der gelernte Bauschlosser seinen Job im Hamburger
Tierpark Hagenbeck verlor, fiel er als Hauptverdiener der vierköpfigen
Familie aus. Da bekam seine Frau, die bis dato als freie Übersetzerin
gearbeitet hatte und vorrangig die beiden Söhne betreute, eine feste Stelle
angeboten, und sie griff zu.
Thomas Glinka
ist seitdem erwerbslos, arbeitslos ist er nicht. Die beiden haben eine
Reihenhaushälfte auf dem Land gekauft. Während sie an vier Tagen in der
Woche nach Hamburg pendelt und die Brötchen verdient, baut er das Eigenheim
um: fliest, legt Fußböden und errichtet Baumhäuser für die Jungs. Er
wäscht die Wäsche und macht Mittagessen, wenn der Große aus der Schule
kommt. »Das ist viel besser, als berufstätig zu sein«, sagt Glinka, »und
ich kriege viel mehr von den Kindern mit.« Irgendwann aber will er auch
wieder arbeiten gehen, wenn es geht in Teilzeit. »Auf Dauer ist es Zuhause zu
anstrengend, im Job hat man mehr Ruhe.« Das Schlüsselwort heißt
Partnerschaft, beim Geldverdienen, in der, Kindererziehung und im Haushalt.
Wenn Frau weniger verdient als Mann
Vor dem
Hintergrund niedriger Geburten‑ und hoher Scheidungsraten versucht das
Familienministerium mit plakativen Anzeigen unter dem Motto »Wär's nicht
schön, dabei zu sein?« Väter zu mehr Engagement für die Familie zu
bewegen. Die aber können meist nicht so, wie sie wollen. Weil für die
meisten Männer«, so Ralf Ruhl, Buchautor und Redakteur bei der Zeitschrift
Paps, »Arbeit und Karriere das Beherrschende sind.« Das aber ist nicht nur
eine Frage des Bewusstseins. Der Arbeitsdruck in vielen Unternehmen ist enorm
hoch. Wer nicht rausfliegen will, muss am Ball bleiben und Überstunden
schieben, Windpocken hin ‑ Elternabend her.
Zudem
verdienen Männer in der Regel mehr als ihre Partnerin. Wer kann es sich schon
leisten, fragt Ruhl in seinem Buch Kinder
machen Männer stark, »zu Gunsten eines Taschengeldes von 600 Mark
Erziehungsgeld auf den größten Teil des Familieneinkommens zu verzichten?«
Ruhl, selbst
Vater von zwei Kindern, favorisiert das Modell Schweden. Dort beträgt das
Erziehungsgeld 90 Prozent des Nettolohns. Zudem verfällt ein Monat der
Erziehungszeit, wenn er nicht vom Vater genommen wird. Das deutsche
Erziehungsgeldgesetz hingegen, kritisiert der Väterexperte, »erleichtert
Männern den Rückzug auf die Ernährerrolle und erschwert Vätern die
gleichberechtigte Teilhabe 'an Versorgung, Betreuung und Erziehung des
Kleinkindes«. ,
Meckert nicht so viel mit euren Männern!
Apropos: An
Ratgeber‑Lektüre für Männer, die sich ernsthaft dem Unternehmen
Vaterschaft widmen wollen, mangelt es nicht. Der Alltag mit Kindern und das
bisschen Haushalt bieten allerlei Fallstricke. So empfehlen Dieter Schnack und
Thomas Gesterkamp in ihrem Buch Hauptsache
Arbeit ‑Männer zwischen Beruf und Familie, sich auf
Mindeststandards »Wie beim Schichtwechsel im Betrieb« zu einigen: »Man
übergibt kein tropfendes Kind. Alle Arbeitsflächen in der Küche sind
aufgeräumt. Die wichtigsten Verkehrswege in der Wohnung sind begehbar. Der
tägliche Einkauf ist erledigt.«
Väter
sind keine männ lichen Mütter, sie
müssen ihren eigenen Stil finden, den alltäglichen Ansprüchen zwischen
Beruf und Familie zu genügen. Ob sie die Vaterrolle
tatsächlich mit neuem Leben füllen und sich gleichberechtigt an
Erziehungs‑ und Haushaltsaufgaben beteiligen, hängt nicht zuletzt auch
von den Müttern ab. Wissenschaftler sprechen von der »Gate‑Keeper«‑Funktion.
Im Klartext: Frauen sollen nicht so viel meckern und die Staubflusen in der
Ecke auch mal übersehen. Wenn es Vätern gelingt, in traditionell weiblich
besetzten Bereichen Verantwortung zu übernehmen, so Forscher Fthenakis,
profitieren Partnerschaft und Kinder.
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Ich habe genug von so einem Zeug. |
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